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Zwei Rendsburger in Amsterdam, ein Pappkoffer und der teuerste Traubenzucker der Niederlande

(Ein Ausschnitt aus meiner Biografie, ein wenig verändert zu einer Kurzgeschichte, wobei es später in Amsterdam keinesfalls langweilig wird. Aber die Fortsetzung steht im Buch.)

Die Reise von Rendsburg nach Amsterdam begann genau so, wie große Abenteuer eben beginnen: mit zwei jungen Männern, die zwar kaum Geld hatten, dafür aber umso mehr Optimismus. Oder anders gesagt: mit Horst und mir. Zwei wandelnde Beweise dafür, dass jugendlicher Leichtsinn auch ohne nennenswertes Budget hervorragend funktioniert.
Amsterdam war damals für alle Jugendlichen eine Art Mekka. Die Stadt der Freiheit. Die Stadt der Grachten. Die Stadt, in der angeblich Künstler, Hippies und andere halbwegs gescheiterte Existenzen zu sich selbst fanden.

Also Horst“, sagte ich, als wir am Tunneleingang in Rendsburg standen und unser selbst gebasteltes Pappschild hochhielten, „wenn wir angekommen sind, rauchen wir erstmal eine Tüte. So richtig künstlerisch. Wie Van Gogh.
Horst zog an seiner Zigarette und schaute mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, uns gegenseitig die Zehen abzuschneiden.
„Van Gogh hat sich das Ohr abgeschnitten. Ich will Gras und Grachten. Meine Ohren möchte ich behalten.“

Das war Horst. Immer dieser Hang zum Realismus.
Erstaunlicherweise lief der Anfang sogar ziemlich gut. Nach einigen Stunden und ein paar Bierchen landeten wir tatsächlich im ersten Auto. Der Fahrer musterte unsere Ausrüstung, bestehend aus Horsts Rucksack und meinem legendären Pappkoffer (Ich besaß keinen Rucksack). Warum legendär? Ich denke, den Koffer hat schon meine Mutter damals im zweiten Weltkrieg, wenn die Bomben auf Hamburg fielen, mit den wichtigsten Papieren als Inhalt  in den Schutzkeller geschleppt. So alt war er und so ziemlich verkratzt sah er auch aus.

Jungs, seid ihr auf der Flucht?“
„Ja“
, antwortete ich. „Vor der Langeweile.“

Kurz vor Hamburg war Schluss. Und wie immer stellte Hamburg eine Herausforderung dar, die ungefähr zwischen einer Himalaya-Expedition und einer Schnitzeljagd ohne Karte lag. Irgendwie kämpften wir uns bis zum Horster Dreieck durch. Es war inzwischen dunkel geworden, und kein Mensch nahm noch zwei Gestalten mit, die aussahen, als hätten sie gerade einen misslungenen Campingurlaub hinter sich.
Also übernachteten wir neben der Autobahn. Ohne Schlafsäcke. Ohne Zelt. Ohne Plan.
Das ist Abenteuer!“, verkündete ich stolz und ließ mich ins Gras fallen.
Das ist Schwachsinn“, grummelte Horst und versuchte, seinen Rucksack als Kopfkissen zu missbrauchen.

Seine Laune war bereits irgendwo unterhalb des Meeresspiegels angekommen. Ob ihm gewisse pflanzliche Zusatzstoffe fehlten? Das konnte durchaus sein.
Am nächsten Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass ich aussah wie frisch aus der Tiefkühltruhe. Haare nass vom Tau, Jacke nass vom Tau und wahrscheinlich sogar die Gedanken nass vom Tau.

Ist das nicht schön?“, fragte ich bibbernd. Horst klapperte mit den Zähnen.
„Wunderschön. Wenn wir hier noch länger liegen, finden uns Archäologen in der nächsten Eiszeit.“
Trotzdem standen wir wieder an der Autobahn. Schließlich hielten wir uns damals für unsterblich. Irgendwann hielt tatsächlich ein holländischer Fernfahrer.

Amsterdam?“
„Amsterdam!“,
antworteten wir.

Der Mann lachte.
„Steigt ein. Ihr seht aus, als könntet ihr etwas Glück gebrauchen.“

Glück, Bier und vielleicht eine warme Dusche, dachten wir beide.
Stunden später standen wir tatsächlich in Amsterdam. Warmes Licht. Glitzernde Grachten. Fahrräder überall. Touristen. Freiheit.

Da sind wir“, sagte ich grinsend. „Das Mekka aller Nachtschwärmer.“
„Und wir sehen aus wie zwei ausgebüxte Landstreicher.“

An einem Touristenstand besorgten wir uns einen Stadtplan. Ein Meisterwerk. Neben langweiligen Sachen wie Museen oder dem Anne-Frank-Haus gab es genau die Informationen, die junge Idioten wie wir brauchten: Discos, Clubs, billige Unterkünfte und sogar Hinweise zum Drogenkonsum.
Selbst die Holländer warnen vor Dummheiten“, meinte Horst. „Als ob uns das aufhalten würde.“

Nach dem Geldwechsel, vermutlich zu einem Kurs, den selbst die Mafia als unverschämt bezeichnet hätte, landeten wir in einem Sleep-In nahe des Bahnhofs.

Die Dame an der Rezeption trug Dreadlocks und eine Patchwork-Schürze.
Fünf Gulden pro Person. Bezahlt wird beim Auschecken.“
Was für ein Vertrauen. In Deutschland hätte man uns wahrscheinlich nicht einmal die Toilettentür geöffnet. Im Schlafsaal roch es nach altem Holz, Marihuana und Schlafsäcken, die vermutlich schon Woodstock erlebt hatten.

Das hier ist unser Reich“, verkündete ich und deutete auf eine freie Ecke.
Aber wir waren nicht zum Schlafen gekommen.
Amsterdam wartete.

Mit dem Stadtplan in der Hand liefen wir durch die Stadt und wollten ins berühmte Paradiso. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
In einem Park tauchte plötzlich ein Mann auf, der aussah, als hätte ein Regisseur gesagt:
Mach mal einen Dealer, aber bitte alle Klischees auf einmal.“
Lederjacke. Schmieriges Lächeln. Zigarette im Mundwinkel.
You boys looking for something special?“
Natürlich waren wir das.

Er präsentierte uns stolz angeblich bestes Afghanenhaschisch und außerdem LSD-Trips. Ein Sonderangebot. Fünfzig Mark.
In meinem Kopf klingelten sofort die Kassen.

Horst“, flüsterte ich begeistert, „das können wir hier oder später zuhause bestimmt für das Doppelte verkaufen!“
Mein Geschäftssinn war offenbar direkt neben meinem gesunden Menschenverstand eingeschlafen.
„Easy Money“, nickte Horst.
Heute weiß ich: Wenn zwei Jungs aus Nordfriesland plötzlich anfangen, sich als internationale Drogenhändler zu sehen, sollte eigentlich irgendwo eine Sirene losgehen.
Aber nein. Wir zahlten.

Der Mann verschwand in der Dämmerung wie ein schlechter Nebendarsteller.
Amsterdam wird geil!“, jubelte ich.

Ein paar Minuten später saßen wir triumphierend auf einer Parkbank. Wir drehten uns einen Joint und betrachteten neugierig die LSD-Trips.
Ich leckte vorsichtig an einem der bunten Pillen.

Komisch“, murmelte ich. „Schmeckt irgendwie nach Traubenzucker.“
Horst nahm ebenfalls einen. Sein Gesichtsausdruck wechselte innerhalb von Sekunden von Neugier zu blankem Entsetzen.
„Das ist Traubenzucker!“ Er starrte mich an.
„Der Schweinehund hat uns Dextro Energy für fünfzig Mark verkauft!“

Da saßen wir nun.
Zwei Provinzhelden aus Nordfriesland.
Gerade erst in Amsterdam angekommen.
Und bereits Opfer des wahrscheinlich teuersten Süßigkeitenkaufs unseres Lebens geworden.

Unsere Karriere als internationale Großdealer war beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Ich seufzte.
Willkommen in der Großstadt.“
Horst betrachtete den Joint zwischen seinen Fingern und musste lachen.

„Na ja“, sagte er trocken. „Immerhin scheint das Hasch echt zu sein.“
Und genau das war der Moment, in dem wir beide wieder lachten.
Denn wenn man schon als ahnungslose Hinterwäldler nach Amsterdam fährt, dann sollte man wenigstens mit Stil übers Ohr gehauen werden.
Und ganz ehrlich?
Fünfzig Mark Lehrgeld für eine Geschichte, über die man Jahrzehnte später noch lachen kann, waren am Ende vielleicht gar nicht so teuer.

Foto: KI nachgestellt

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