
Auch heute wieder ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch. Anfang 1980 spielt sie. Diesmal etwas anders. Und zwar im ersten Teil so hier abgedruckt, wie ich es auch im Buch beschrieben habe. Darunter im zweiten Teil die gleiche Geschichte, aber von Chatgtp als Anekdote umgeschrieben. Wollte einfach mal sehen, was dabei herauskommt.
Zunächst das Original, wie es auch im Buch geschrieben steht:
Aber ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mir nicht schon das nächste Projekt gesucht hätte. Die Schließung des Ladens bedeutete nicht nur mehr Platz, sondern auch neue Möglichkeiten. Über eine Kleinanzeige kam eine Farfisa-Orgel zu uns, die zunächst in unserer „guten“ Stube ihren Platz gefunden hatte. Das Instrument landete aber bald im leerstehenden Laden – der Raum brauchte ohnehin dringend einen neuen Zweck.
Es dauerte nicht lange, bis ich die Tasten betrachtete wie ein neugieriger Forscher. Noten? Brauchte ich nicht. Ich klebte kleine Aufkleber mit den Akkordnamen auf die Tasten und improvisierte drauflos. Mal „Oh Tannenbaum“, mal ein tapferer Versuch von „Let It Be“. Es klang, freundlich formuliert, experimentell. Die Kinder hielten sich abwechselnd die Ohren zu oder schlichen fasziniert in den Laden, um Papa bei seinem neuen Hobby zu beobachten.
Dann sah ich die Kleinanzeige. Eine Band aus Husum suchte einen Keyboarder. Anfänger willkommen.
Fast zu schön, um wahr zu sein. Helga war skeptisch.
„Mario, du kannst doch gerade mal die Akkorde mit Spickzetteln spielen.“
„Perfekt!“ erwiderte ich grinsend. „Dann bin ich genau der Anfänger, den sie suchen!“
Ich habe mich also ganz frech auf die Anzeige gemeldet und gleich gesagt, ich kann gar nichts. Kam wohl gut an bei Günter, dem Schlagzeuger. Der Übungsabend in Husum lief jedenfalls überraschend gut. Die Band nannte sich „Grecajago“ und bestand aus einem chaotischen, aber herzlichen Haufen, dem Gemeinschaft und Bierflaschen deutlich wichtiger waren als Perfektion.
„Kannst du ’nen G-Dur halten?“ fragte der Bandleader.
„Klar,“ log ich und legte meine Finger auf die drei Tasten der Farfisa, die ich mitgebracht hatte.
Ein schiefer, aber eindeutig erkennbarer Akkord erklang.
Der Bandleader nickte zufrieden. „Passt. Wir brauchen nur Hintergrundklänge. Alles andere machen wir.“
Und so war ich plötzlich Keyboarder in einer Band.
Zu Hause schüttelte Helga nur den Kopf. „Du machst echt aus allem eine Geschichte.“
Ich zuckte mit den Schultern, ein Funken Stolz in den Augen.
„Na ja, Helga – das Leben schreibt halt die besten Lieder.“
Es war erstaunlich, wie schnell ich vom Anfänger mit Aufklebern auf den Tasten zum festen Bestandteil von Grecajago avancierte. Aber wenn man eines über mich wusste, dann das: Ich machte nichts halbherzig. Die Texte und Akkorde, die ich mit nach Hause brachte, wurden akribisch studiert. Die Kassette mit den Songs lief so oft, dass Helga irgendwann die Stirn runzelte und sagte:
„Mario, das Lied ist ganz nett, aber wenn ich es noch einmal höre, verbrenne ich die Kassette.“
Die Proben liefen gut, doch der erste große Auftritt rückte immer näher – und mir war klar, dass dieses Farfisa-Keyboard allein nicht ausreichen würde. Ein Verstärker musste her. Und zwar ein vernünftiger. Also nutzte ich meine Freitage in Rendsburg nicht nur zum Laden von Ware, sondern auch, um in Fockbek einen alten Bekannten zu besuchen: Peter. Er betrieb ein kleines Musikgeschäft und hatte genau das Richtige für mich – eine gewaltige Lesliekiste.
Ich war hin und weg. „Peter, das Ding ist ja größer als mein Kühlschrank!“
„Und lauter als dein Kühlschrank,“ lachte Peter, während er mir die technischen Details erklärte. Das Ungetüm hatte einen rotierenden Hochtöner, einen fetten Basslautsprecher und satte 200 Watt. Ich war begeistert – und gleichzeitig ein wenig eingeschüchtert. „Und das schlepp ich jetzt zu jedem Auftritt?“ fragte ich skeptisch.
„Tja, wer ein Star sein will, muss leiden.“
Neben der Lesliekiste bekam ich auch noch ein String-Keyboard und einen Synthesizer, die mir völlig neue Möglichkeiten eröffnete. Die Farfisa ging in Zahlung. Die monatlichen Raten waren überschaubar, und ich fühlte mich plötzlich wie ein Profi. Zu Hause baute ich mir mit einem Gestell eine Art Keyboard-Burg, die ich stolz im Übungsraum präsentierte.
Die Bandkollegen waren beeindruckt. „Mario, das sieht ja richtig professionell aus!“
Ich grinste. „Sieht nicht nur so aus – das ist professionelle Improvisation.“
Doch trotz all der Technik hatte ich ein Problem: diesen einen Song, bei dem ich etwa eine Minute lang einen einzigen Klavier-Ton im Takt anschlagen sollte.
Aber dazu mehr im Buch…
——
Und nun hier im zweiten Teil die geänderte Form von chagpt:
Mario hatte schon immer ein bemerkenswertes Talent dafür, Katastrophen nicht als Ende zu betrachten, sondern als eine Art schlecht geplante Geschäftserweiterung. Als der Laden dichtmachte, trauerten andere vielleicht um verlorene Einnahmen oder leere Regale. Mario dagegen stand mitten in dem verlassenen Raum, die Hände in die Hüften gestemmt, und dachte nur: „Da passt doch eigentlich hervorragend eine Orgel rein.“
Und so zog eines Tages tatsächlich eine alte Farfisa-Orgel bei ihnen ein. Über eine Kleinanzeige, natürlich — denn in Marios Welt kamen die wirklich wichtigen Dinge entweder aus Kleinanzeigen oder von Leuten, die den Satz „Die muss nur mal richtig eingestellt werden“ sagten. Anfangs stand das monströse Instrument noch ehrfürchtig in der guten Stube, wo es ungefähr so dezent wirkte wie ein Fischkutter im Wohnzimmer. Doch lange blieb sie dort nicht. Der leerstehende Laden wurde kurzerhand zum Musikzimmer erklärt.
Mario setzte sich davor wie ein Wissenschaftler vor ein unbekanntes Atomreaktor-Pult. Notenlesen konnte er nicht. Wollte er auch gar nicht können. Stattdessen klebte er kleine Aufkleber mit Akkordnamen auf die Tasten, als würde er eine Landkarte für geistig Verirrte entwerfen. Dann begann das Experimentieren.
Mal klang es entfernt nach „Oh Tannenbaum“, mal nach einem schweren Verkehrsunfall mit Beteiligung von „Let It Be“. Die Kinder standen regelmäßig im Türrahmen und schwankten zwischen Mitleid und Faszination. Einer hielt sich die Ohren zu, der andere fragte vorsichtig, ob die Orgel kaputt sei.
Helga sagte meistens gar nichts mehr. Dieses gefährliche Schweigen, das Ehefrauen entwickeln, wenn sie ahnen, dass ihr Mann gerade wieder eine Idee hat, die entweder teuer oder peinlich wird. Meistens beides.
Und dann kam diese Anzeige.
Eine Band aus Husum suchte einen Keyboarder. Anfänger willkommen.
Mario las den Satz bestimmt fünfmal hintereinander. Für ihn klang das nicht wie eine Warnung, sondern wie eine persönliche Einladung des Schicksals.
„Mario“, sagte Helga skeptisch, „du spielst seit drei Wochen auf einer Orgel herum und findest die Hälfte der Tasten nur wegen deiner Aufkleber.“
„Ja“, antwortete er begeistert, „aber genau DAS macht mich doch zum Anfänger!“
Es war diese spezielle Art von Logik, gegen die man nicht argumentieren konnte, weil sie völlig falsch war — und gleichzeitig irgendwie funktionierte.
Also meldete er sich tatsächlich bei der Band. Und weil Mario weder Schamgefühl noch Selbstzweifel besaß, erklärte er am Telefon gleich offen, dass er eigentlich überhaupt nicht spielen könne. Offenbar beeindruckte diese Ehrlichkeit den Schlagzeuger Günter mehr als echtes Talent.
Die Bandprobe fand in Husum statt. Die Gruppe nannte sich „Grecajago“, was ungefähr so klang, als hätte jemand beim Niesen einen Bandnamen erfunden. Die Musiker waren ein chaotischer Haufen aus Bierflaschen, Kabelsalat und Menschen, die „Rock’n’Roll“ hauptsächlich als Lebenszustand verstanden.
Der Bandleader sah Mario an.
„Kannst du G-Dur halten?“
Mario nickte mit der Überzeugung eines Mannes, der innerlich bereits panisch die Aufkleber auf seiner Farfisa suchte.
„Klar.“
Dann drückte er drei Tasten gleichzeitig.
Der Akkord war schief, wackelig und klang ein bisschen so, als hätte jemand einen Staubsauger gegen ein Akkordeon gefahren. Aber er war erkennbar.
Der Bandleader nickte zufrieden.
„Passt. Wir brauchen sowieso nur Hintergrundklänge.“
Und so wurde Mario tatsächlich Keyboarder.
Ein Mensch, der wenige Wochen zuvor noch verzweifelt versucht hatte, „Let It Be“ ohne musikalische Todesfälle zu überstehen, gehörte plötzlich offiziell zu einer Band.
Zu Hause schüttelte Helga nur langsam den Kopf.
„Du machst echt aus allem eine Geschichte.“
Mario grinste zufrieden.
„Helga“, sagte er und lehnte sich zurück wie ein Philosoph mit Stromanschluss, „das Leben schreibt halt die besten Lieder.“
Und dann begann er ernsthaft zu üben.
Sehr ernsthaft.
So ernsthaft, dass dieselbe Kassette mit den Songs tagelang im Dauerlauf lief. Morgens. Mittags. Abends. Immer dieselben Stücke. Immer dieselben schrägen Übergänge.
Bis Helga irgendwann mit diesem Blick in der Küchentür stand, den sonst nur Menschen kurz vor einem Nervenzusammenbruch haben.
„Mario… wenn ich dieses Lied noch EINMAL höre, verbrenne ich die Kassette.“
Doch inzwischen war Mario längst infiziert vom Musiker-Virus. Die Farfisa reichte ihm bald nicht mehr. Ein echter Keyboarder brauchte schließlich Technik. Große Technik. Eindrucksvolle Technik.
Und so fuhr er eines Freitags nach Fockbek zu seinem alten Bekannten Peter ins Musikgeschäft — und verliebte sich dort augenblicklich in eine gigantische Lesliekiste.
Das Ding war monströs.
„Peter“, sagte Mario ehrfürchtig, „das ist größer als unser Kühlschrank.“
Peter grinste.
„Und lauter.“
Die Kiste hatte rotierende Lautsprecher, 200 Watt Leistung und das Gewicht eines mittelgroßen Kleinwagens. Für Mario war sie keine Musikanlage mehr. Sie war eine Eintrittskarte in den Olymp der Rockmusik.
Zusammen mit einem String-Keyboard und einem Synthesizer baute er sich zu Hause eine regelrechte Keyboard-Burg auf. Kabel überall. Ständer überall. Knöpfe, Regler und blinkende Lämpchen, von denen er vermutlich die Hälfte selbst nicht verstand.
Aber das spielte keine Rolle.
Denn nun sah es professionell aus.
Die Bandkollegen waren beeindruckt.
„Mario“, sagte einer bei der Probe, „das sieht ja richtig professionell aus.“
Mario grinste stolz.
„Das IST professionelle Improvisation.“
Leider gab es da noch diesen einen Song.
Diesen verdammten Song.
Eine ganze Minute lang musste er darin immer nur denselben Klavierton im Takt anschlagen. Nichts weiter. Kein Solo. Kein Akkord. Nur: Dong. Dong. Dong.
Für jeden echten Musiker vermutlich die einfachste Aufgabe der Welt.
Für Mario dagegen war es der blanke Horror.
Denn aus irgendeinem Grund schaffte er es regelmäßig, genau dabei den Einsatz zu verpassen. Oder den falschen Ton zu treffen. Oder plötzlich völlig aus dem Takt zu geraten, während die restliche Band weiterspielte, als wäre nichts passiert.
Und genau dort begriff Mario vermutlich zum ersten Mal die wichtigste Wahrheit des Musikgeschäfts:
Es ist erstaunlich schwer, professionell auszusehen, wenn man seit vierzig Sekunden denselben Ton falsch spielt.
Foto: Mein Anfang in der Husumer Band „GrecaJago“.
