
Eine weitere Geschichte aus dem Buch, diesmal ein wenig in eine kleine Kurzgeschichte verändert…
Im Herbst 1994 feierte Rocki NF zehnjähriges Bestehen, und da das Bredstedter Jugendzentrum eine Partnerschaft mit einem polnischen JZ pflegte, entstand eine Idee, die auf dem Papier großartig klang: ein Musikeraustausch mit der polnischen Partnerstadt.
Mario hatte damals noch arglos gesagt: „Das wird bestimmt geil.“ Dieser Satz sollte sich später als Mischung aus Vorfreude, Selbstüberschätzung und leichtem Realitätsverlust herausstellen.
Der Plan war denkbar einfach: eine Band, ein Bus voller Feierlustiger, reichlich Bier, und los Richtung Polen.
Abends um 20 Uhr ging es in Bredstedt los. Im Bus saß praktisch halb Nordfriesland: Arno, Toschi, Helmut, Lars, Völler und die gesamte Waldheim-Gang, dazu Helga, Inge, Frank und Johanna aus Westerrönfeld sowie Ina und Kurt, besser bekannt als Schoppi. Es wirkte weniger wie eine Konzertreise und mehr wie ein Familienausflug mit erhöhtem Alkoholrisiko.
Schon nach kurzer Zeit verwandelte sich der Bus in eine fahrende Festhalle.
„Das war keine Busfahrt, das war eine rollende Party,“ erinnerte sich Mario später.
Die Stimmung stieg proportional zur Zahl der geöffneten Bierflaschen, ebenso allerdings ein anderes, biologisch bedingtes Problem. Und zwar schon nach relativ wenigen Kilometern. Der Fahrer entwickelte vermutlich schon auf Höhe Hamburg erste Ausstiegsfantasien, während im hinteren Teil des Busses kreative Lösungen entstanden. Besonders einfallsreich zeigte sich ein Sitznachbar hinter Mario, der irgendwann eine leere Granini-Flasche als Notfalltechnik entdeckte. Mario blieb diplomatisch.
„Ich habe ja nicht hingeschaut,“ beteuerte er später lachend. „Aber so musste der Fahrer wenigstens nicht ständig anhalten.“
Nach einer gefühlt transkontinentalen Reise und einem Halt am Grenzübergang, bei dem sich zunächst mit polnischem Geld und billigen Zigaretten eingedeckt wurde, erreichte die Reisegruppe schließlich die polnische Partnerstadt.
Die Begrüßung ließ keinen Zweifel daran, dass Gastfreundschaft dort ernst genommen wurde.
Kaum angekommen, morgens gegen zehn, mit ungefähr der geistigen Frische einer uralten Banane, ging es direkt weiter zum Bürgermeister.
Und dort zeigte sich rasch, dass Polen und Nordfriesland erstaunlich viele Gemeinsamkeiten besaßen.
„Vor allem die Leidenschaft für gute Musik und gutes Bier,“ sagte Mario später.
Nur beim Frühstück gingen die kulturellen Vorstellungen etwas auseinander.
Serviert wurden Frikadellen, bei denen man das leise Gefühl hatte, das betreffende Schwein habe nach seinem Ableben noch einmal vollständig anwesend sein dürfen. Und ist mitsamt Knochen durch den Fleischwolf gedreht worden. Dazu wurde Wodka gereicht. Aus Limogläsern. Morgens. Und reichlich.
Mario betrachtete das Geschehen mit nordfriesischer Tapferkeit.
„Das war nicht unbedingt mein gewohnter Start in den Tag,“ kommentierte er. „Aber immerhin, der Wodka hat geholfen, die Frikadellen zu vergessen.“
Noch ehe Magen und Kreislauf ihre Verhandlungen abgeschlossen hatten, begann bereits ein zweistündiger Stadtrundgang. Anschließend durfte die Truppe kurz ins Hotel, allerdings eher zum Umziehen als zum Schlafen. Erholung stand offensichtlich nicht im offiziellen Reiseprogramm.
Denn schon wartete das eigentliche Ziel der Fahrt: Rockkonzerte im örtlichen Jugendzentrum.
Und tatsächlich, das Konzert wurde ein voller Erfolg. Mehrere Bands sorgten für Stimmung, das Publikum feierte begeistert, und an Getränken herrschte ungefähr dieselbe Knappheit wie an Wasserfällen in Norwegen, nämlich gar keine. Bier und Wodka flossen mit bemerkenswerter Großzügigkeit. Doch wie jeder erfahrene Musiker weiß, endet ein Abend selten mit der letzten Zugabe.
Im Hotel ging dann nachts die Feier nahtlos weiter.
„In den Zimmern, auf den Fluren… vielleicht sogar auf dem Dach, wer weiß das schon,“ erinnerte sich Mario.
Und natürlich entstanden jene Situationen, die später nur noch mit einem Schulterzucken und einem vielsagenden „Naja…“ erzählt werden. Irgendwo zwischen Gruppendynamik, überschäumender Lebensfreude und spontaner Zweisamkeit auf fremden Zimmern fanden einige Mitreisende offenbar zusätzliche, auch erotische Wege zur internationalen Verständigung.
Der Rückweg nach Nordfriesland verlief schließlich deutlich ruhiger. Der Bus war nun bevölkert von Menschen, die kollektiv versuchten, mit Schlafmangel, Katern und philosophischen Fragen des Lebens fertigzuwerden. Man war sich schweigend einig, es vielleicht, wirklich nur vielleicht, ein kleines bisschen übertrieben zu haben. Während viele gegen geschlossene Augen kämpften, blieb Mario erstaunlich wach, und arbeitete.
Er hatte nämlich alles gefilmt. „Ich habe später ein langes Video daraus gemacht. Keine Ahnung, wer sich das jemals komplett angeschaut hat, aber es ist alles dokumentiert.“
Und vermutlich war das auch gut so. Denn manche Abenteuer verschwinden irgendwann im Nebel der Erinnerung. Diese Reise nach Polen dagegen blieb erhalten, irgendwo zwischen Videokassette, Kater und einer Geschichte, die bis heute klingt, als hätte jemand sie erfunden. Dabei war sie einfach nur Rocki NF auf Tour.
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