Tagebuch 21. August 2026: Mit dem Schiff in den wilden Osten nach Rostock

Kreuzfahrt für Arme – oder: 36 Stunden ohne richtigen Schlaf

So, mal eine ganz langweilige Geschichte. Thema Kreuzfahrten. Also diese Dinger, bei denen sich Menschen für viel Geld auf einem schwimmenden Hotel einquartieren, um sich sieben Tage lang von einem Buffet zum nächsten zu bewegen. Kann ich mir nicht leisten. Und deshalb machen Barbara und ich quasi Ersatz-Kreuzfahrten. Mit Bus und Schiff, meistens über die Ostsee. Oslo, Göteborg und Ærø haben wir auf diese Weise schon „erschwommen“. Diesmal ging es über Travemünde mit dem Fährschiff „Tinker Bell“ der TT-Line nach Rostock.

Dass wir uns nach dieser Reise allerdings eher wie nach einem Marathonlauf oder einem dreitägigen Festival vorkommen würden, war so nicht geplant. Schon bei der Abfahrtszeit hätte ich misstrauisch werden müssen: 4 Uhr morgens in Husum. Vier Uhr! Zu dieser Uhrzeit ging man früher überhaupt nicht erst ins Bett. Da machte man höchstens noch eine Flasche Bier auf und sagte: „Na, eine geht noch.“
Aber nun in meinem hohen Alter?

Am Mittwoch also ganz normales Rentneraufstehen. So gegen 9 Uhr. Danach den ganzen Tag irgendwie herumgefummelt, dies und das gemacht, eigentlich nichts, was man später noch hätte erklären können. Am Abend dann der große Plan: Bis 22 Uhr Fernsehen gucken und anschließend auf dem Sofa schlafen. Hat natürlich nicht geklappt. Bis ungefähr drei Uhr morgens lag ich herum, döste mal ein, wachte wieder auf und dachte über alles Mögliche nach. Alkohol zum Einschlafen fiel ebenfalls aus, weil ich ja schließlich noch nach Husum fahren sollte. Und besoffen Bus fahren ist auch im Rentenalter keine besonders gute Idee.

Außerdem grübelte ich. Schließlich ging es ja in die Hochburg der blau-braunen Politik. Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern! Ich, der „linksversiffte Antifa-Hure“, unterwegs in einer Stadt voller Nazis und ohne Ausländer. Zumindest sah mein nächtliches Kopfkino das so. Ich sah mich schon an einem AfD-Stand vorbeilaufen. Dort ein übergewichtiger, älterer, weißer Mann – genau so, wie die auf den Fotos meistens aussehen – und daneben eine lebensgroße, wunderhübsche junge KI-Frau aus Pappe.

Der Mann hält mir einen Flyer hin. Ich lehne höflich ab und sage mit den harmlosen Worten: „AfD, niemals!“ Und schon bekomme ich was auf die Fresse.

Na toll. Und da wollen wir hin? Zum Glück war das alles nur geträumt.

Rostock ist nämlich nicht nur eine internationale Hafenstadt, sondern auch eine Universitätsstadt. Und das merkt man. In der Innenstadt waren jede Menge junge Leute unterwegs, Menschen aus allen möglichen Nationen. Auch in den Geschäften und Restaurants war ein buntes Treiben. Und tatsächlich: Rostock hat eine wirklich schöne Altstadt. Nicht nur häusermäßig, sondern auch vom Leben, das dort stattfindet.

Natürlich war Wahlkampf und entsprechend hingen überall Plakate. Auch reichlich AfD war dabei. Aber – und das fand ich irgendwie beruhigend – die anderen Plakate waren alle noch heil. In einer Stadt wie Rostock scheint der Osten also doch noch weitgehend in Ordnung zu sein. Oder zumindest die Innenstadt.

Aber zurück zum Anfang.
Um vier Uhr morgens ging es in Husum los. Dann über Heide und Meldorf, wo noch weitere Mitreisende eingesammelt wurden. Barbara gehörte dabei vermutlich zu den jüngsten Teilnehmern. Der Rest war weit über siebzig und teilweise vermutlich schon vorübergehend wieder ausgegraben worden.

In Travemünde angekommen, hieß es erst einmal warten. Check-in, warten, noch mehr warten. Irgendwann durften wir dann endlich mit dem Bus auf die Fähre. Ausgestiegen, kam man sich zunächst vor wie im Bauch eines Frachtschiffes. Was ja irgendwie auch stimmte. Oben, auf Deck 7, gab es dann ein großes Restaurant, eine Cafeteria, Spielecken, einen Spielsaal und leider erstaunlich wenig Platz an Deck. Das im Reisepreis enthaltene Frühstücksbuffet war allerdings wirklich gut. Und wenn man satt ist, hat der Deutsche ja bekanntlich schon deutlich weniger Grund zu meckern.

Besonders schön war die Einfahrt bei Warnemünde. Da ist richtig was los im Hafen.

Dazu gibt es natürlich auch eine Bilderstrecke von mir. Der Link steht hier.

Und dann kam der Moment, in dem wir feststellen durften, dass auch eine Fähre nicht immer alles so macht, wie sie soll. Nach dem Anlegen kamen wir nämlich zunächst nicht vom Schiff. Die Klappe lag nicht richtig. Das hätte für unseren Bus theoretisch bedeutet: Beine in die Höhe und ab ins Wasser. Oder zumindest hätte der Bus so ausgesehen. Wir Insassen hätten ihn dann wahrscheinlich durch gemeinsames Schaukeln von der Fähre bekommen sollen.

Zum Glück bekamen die Jungs das Problem irgendwann in den Griff. Allerdings war damit unser großzügig bemessenes Zeitfenster für Rostock ziemlich zusammengeschrumpft. Uns blieben noch ungefähr anderthalb Stunden, um uns die Stadt anzusehen. Anderthalb Stunden! Da schaffen andere Menschen gerade mal den Weg vom Parkplatz zur ersten Eisdiele. Und genau da lag dann auch unser nächstes Problem: Eishunger.

Also Rostock im Turbogang. Ein bisschen Altstadt, ein bisschen gucken, ein bisschen staunen, ein bisschen fotografieren und natürlich irgendwo ein Eis. Viel mehr war leider nicht drin. Um 15.30 Uhr ging es schon wieder zurück. Fünf Stunden Busfahrt später war ich dann gegen 22 Uhr endlich wieder zu Hause. Ich öffnete eine Flasche Bier.  Das erste. Endlich!

Und während ich da so saß, begann ich nachzurechnen. Mittwoch 9 Uhr bis Donnerstag 9 Uhr: 24 Stunden. Davon ungefähr zwei Stunden Schlaf. Donnerstag 9 Uhr bis 22 Uhr: noch einmal rund 13 Stunden. Macht also fast 36 Stunden auf den Beinen.

Früher, zu Festivalzeiten, hätte ich mich dafür geschämt, schon so früh schlappzumachen. Da waren 36 Stunden ohne richtigen Schlaf eher ein Grund zu sagen: „Na, jetzt geht die Party doch erst richtig los!“ Aber heute? Kurz vor der Urne? Da ist das irgendwie etwas anderes. Da merkt man dann doch, dass der Körper inzwischen nicht mehr ganz so begeistert auf solche Experimente reagiert.

So nie wieder.

Aber eines muss man mir lassen: Ich habe den Trip in die braune Wüste überlebt. Das ist doch schon mal was. Und wer weiß, vielleicht mache ich irgendwann doch noch eine richtige Kreuzfahrt. Wenn sie allerdings um vier Uhr morgens losgeht, bleibe ich lieber zu Hause. Da kann ich wenigstens ausschlafen.

;- )