
Ein weiterer kleiner Einblick in die 520 Seiten des Buches:
Das zweite Dornbusch-Festival im Jahr 1986 wurde eines der Highlights. Vom 31. März bis zum 4. April strömten rund 1.600 Besucher in die Disco – ein gewaltiger Sprung im Vergleich zum Vorjahr. Jeder einzelne Tag lief gut, doch der Freitag übertraf alles. Nicht nur wegen der Besucherzahlen, sondern auch wegen einer gewissen … sagen wir: feuchtfröhlichen Eskalation.
Am meisten faszinierte mich allerdings der Dienstag. Der gehörte traditionell den Punkbands, die in der öffentlichen Wahrnehmung als chaotische Rebellen galten. Entsprechend hatten wir an diesem Tag die stärkste Security-Truppe eingeplant. Ironischerweise stellte sich genau das als vollkommen überflüssig heraus.
„Also, die Punks sind friedlicher als der Durchschnittsbesucher am Freitag,“ grinste einer der Türsteher, während er zusah, wie vorne wild Pogo getanzt wurde. „Laut? Klar. Wild? Auf jeden Fall. Aber Ärger machen die hier weniger als die Rocker.“
Ich nickte. „Tja. Die Punks sehen gefährlich aus, sind es aber nicht. Die Rocker sehen harmlos aus – und sind es auch nicht.“
Mit jeder Veranstaltung – ob Waldheim Open Air, Geburtstagsfestival oder Dornbusch – lernte ich dazu: wie man mit Künstlern verhandelt, wie man Zuschauerströme lenkt und vor allem, wie man mit Situationen umgeht, die man definitiv nicht geplant hatte. Genau dieses Lernen machte Rocki NF in der Szene bekannt. Was als kleine Initiative begonnen hatte, war inzwischen ein fester Bestandteil des musikalischen Lebens in Nordfriesland geworden. Und ich war Herz und Kopf des Ganzen.
Für mich persönlich begann das zweite Dornbusch-Festival allerdings mit einem Albtraum. Während andere Lampenfieber vielleicht als etwas Glamouröses oder Aufregendes empfanden, war es für mich schlicht die Hölle. Der Grund: Der NDR hatte sich angekündigt, um über das Festival zu berichten – inklusive eines Interviews mit mir.
„Mario, kämm dir die Haare und hör auf zu schwitzen, der NDR kommt!“ Helmut stand mit verschränkten Armen vor mir und knetete selbst nervös seine Hände.
„Leicht gesagt,“ protestierte ich. „Ich hab noch nie ein Fernseh-interview gegeben!“
Der Reporter vom NDR war freundlich, professionell – und maximal einschüchternd. Ich stand direkt vor der Bühne, auf der gerade eine Band den Soundcheck spielte. Die Kamera war auf mich gerichtet, das Mikrofon so nah, dass ich das Gefühl hatte, man könne meinen Herzschlag aufnehmen.
„Erzählen Sie uns doch ein wenig über die Idee hinter diesem Festival.“
Eine harmlose Frage. Zumindest theoretisch. In meinem Kopf hingegen tobte ein Orkan: Was, wenn ich Unsinn rede? Warum schwitze ich so? Sieht man das? Hört man mein Herz? Warum ist diese Kamera so riesig?
Nach dem Interview zog ich mich erst einmal zurück. Drei Minuten hatten gereicht, um mich komplett auszulaugen.
„Und?“ fragte Helga später, als sie zum Festival dazustieß. „Wie war’s?“
„Grauenhaft,“ sagte ich ehrlich. „Ich hab geschwitzt wie ein Schwein, dachte die ganze Zeit, ich blamiere mich vor ganz Norddeutschland, und zwischendurch hat mein Gehirn einfach abgeschaltet.“
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