
Es gibt Tage, an denen man morgens voller Tatendrang das Haus verlässt und abends feststellt, dass man eigentlich nur sehr erfolgreich durch Schleswig-Holstein gefahren ist. Der 4. Juli gehörte eindeutig in diese Kategorie. Eigentlich wollte ich endlich meinen ehemaligen WG-Genossen Horst besuchen. Wer meine Biografie kennt, weiß: Gleich nach der Bundeswehr spielte er in Rendsburg eine ziemlich wichtige Rolle. Wir hatten vor einigen Monaten sogar wieder Kontakt aufgenommen. Allerdings hatte Horst inzwischen einen leichten Schlaganfall erlitten und sprach nicht mehr besonders gut. Treffen wollte er sich grundsätzlich schon, allerdings möglichst nur dann, wenn die Rente gerade eingegangen war. Außerdem bitte nicht bei ihm zu Hause.
Kein Problem. Kaffee oder Bier irgendwo in der Stadt, das ließ sich organisieren. Nur leider nicht Horst. Gestern versuchte ich, ihn anzurufen. Das Gespräch war schneller beendet, als ich überhaupt „Hallo“ sagen konnte, Anruf wurde sofort immer beendet. Eine SMS ging zwar raus, blieb aber unbeantwortet. Technisches Problem, abgemeldet? Ich weiß es nicht. Heute Morgen das gleiche Spiel. Irgendwann wollte ich ihn auch nicht einfach unangemeldet überfallen. Also werde ich ihm wohl mein Buch per Post schicken müssen. Irgendwie ein blödes Gefühl. Man weiß eben nicht, was los ist.
Da ich den Ausflug gedanklich aber bereits fest eingeplant hatte, fuhr ich trotzdem nach Rendsburg. Dann eben Plan B: meinen Schwager Frank besuchen. Mit ihm hatte ich schließlich ebenfalls so einige Festival-Abenteuer erlebt. Ich wusste nur, dass er inzwischen in einem Pflegeheim leben sollte.
Schon am Bahnhof in Bredstedt bekam der Tag allerdings eine völlig unerwartete Wendung. Der Bahnsteig war voller Menschen in schillernden Kostümen. Männer, Frauen und einige Exemplare, bei denen jede Zuordnung reine Spekulation gewesen wäre. Es wurde getanzt, gelacht und geschniegelt, als stünde mindestens der Karnevalsprinz persönlich vor der Tür.
Ich fragte vorsichtig: „Ist heute Karneval?“
Die Antwort kam trocken: „Nee… Schlagermove in Hamburg.“
Ach ja. Stimmt. Davon hatte ich gelesen.
Entsprechend gut gefüllt waren dann auch sämtliche Züge. Selbst Richtung Rendsburg fühlte es sich eher nach Sardinenbüchse als nach Regionalverkehr an.
In Rendsburg angekommen begann die Suche nach Frank. Erst seine frühere Wohnung. Nichts. Dann das Pflegeheim. Ebenfalls nichts. Also die Tochter angerufen.
„Frank ist inzwischen in einem anderen Pflegeheim… und im Moment liegt er im Krankenhaus.“
Na wunderbar. Auch dieser Plan löste sich in Luft auf. Blieb also nur noch Plan C.
Ich beschloss kurzerhand, nach Westerrönfeld zu fahren und dort Helgas Verwandtschaft unangemeldet zu überraschen.
Vorher gönnte ich mir allerdings noch eine ausgezeichnete Ente vom Asia-Imbiss in der Innenstadt. Die hatte deutlich mehr Leben als die Rendsburger Fußgängerzone. Abgesehen von einem Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf dem Altstädter Markt wirkte die Innenstadt erstaunlich ausgestorben. Viele Leerstände.
Und da hatte ich einmal gewohnt?
Der Bus nach Westerrönfeld sollte erst eine gute halbe Stunde später fahren. Kein Problem. Zeit hatte ich ja inzwischen reichlich. Bis ich aus reiner Neugier einmal in die Fahrplan-App schaute. Rückfahrt? Nach 14 Uhr fuhr am Samstag offenbar kein Bus mehr zurück. Offensichtlich klappt man dort samstags nach dem Mittagessen die Bürgersteige hoch und erklärt den öffentlichen Nahverkehr für beendet.
Und was wäre gewesen, wenn ich dort auch niemanden angetroffen hätte? Mit dem Taxi zurück? Nein danke. Selbst meine Abenteuerlust hat irgendwann ihre Grenzen. Also ließ ich auch Plan C sterben, stieg wieder in den Zug und fuhr über Husum zurück nach Bredstedt.
An diesem Tag habe ich übrigens endlich verstanden, was das Wort „ergebnisoffen“ wirklich bedeutet. Es bedeutet nämlich:
Man kann drei verschiedene Pläne haben und trotzdem mit exakt null Ergebnissen nach Hause kommen.
Immerhin hatte ich eine gute Ente gegessen, einige äußerst fantasievoll gekleidete Schlagermove-Pilger gesehen und gelernt, dass der öffentliche Nahverkehr in Westerrönfeld samstags offenbar eine Art Halbtagsvertrag besitzt.
Abgsehen davon, dass es fast den ganzen Vormittag und Mittag in Strömen geregnet hat. Da wurde mir wieder einmal klar: Zu Hause ist es eben doch am schönsten.
Obwohl…
Vielleicht hätte ich einfach spontan mit nach Hamburg fahren sollen.
Wer weiß, möglicherweise hätte ich dort wenigstens jemanden getroffen, den ich gar nicht gesucht hatte.
