
Ansich bin ich ja nicht sehr dumm. Glaube ich jedenfalls. Schließlich habe ich im Laufe meines Lebens so ziemlich alle Schwierigkeiten gemeistert, die das Leben einem so vor die Füße wirft. Ich habe sogar sofort begriffen, wie man aus einer Plastikflasche mit dem neuerdings angewachsenen Deckel trinken kann, ohne sich dabei die Nasenspitze blutig zu kratzen. Eine Fähigkeit, an der bis heute erstaunlich viele Menschen verzweifeln.
Aber neulich musste ich doch einmal herzlich über mich selbst lachen.
Es geht um Kaffee. Genauer gesagt: um Kaffeepackungen.
Seit ungefähr sechzig Jahren versuche ich, diese eckigen Kaffeepakete zu öffnen. Und ich habe dabei wirklich alles ausprobiert. Messer, Schere, Schraubenzieher, und wenn es ganz schnell gehen musste, vermutlich auch schon mal Werkzeug, das eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht war. Auf den Packungen sind oben irgendwelche Pfeile aufgedruckt. Die habe ich zwar gesehen, aber offenbar nie verstanden. Vielleicht war ich auch einfach der Meinung, dass Pfeile auf einer Kaffeepackung eher dekorativen Charakter haben.
Also wurde die Packung irgendwie aufgeschnitten, aufgestochen oder anderweitig gewaltsam geöffnet. Hauptsache, ich kam an den Kaffee.
Das hatte allerdings gelegentlich gewisse Nebenwirkungen. Ein Teil des Kaffees landete nicht in der Kaffeemaschine, sondern auf dem Küchenschrank, auf dem Fußboden oder an anderen Stellen, an denen Kaffee eigentlich überhaupt nichts verloren hat.
Und dann kam vor ein paar Tagen der große Moment.
Ich schaute mir die Packung tatsächlich einmal etwas genauer an. Und plötzlich kam mir eine geradezu revolutionäre Idee:
Man kann die beiden Aluseiten oben einfach auseinanderziehen!
Ich zog.
Und siehe da: Die Packung ging auf.
Einfach so.
Ohne Messer.
Ohne Schere.
Ohne Schraubenzieher.
Und vor allem ohne anschließende Kaffee-Säuberungsaktion.
Ich stand da und dachte nur:
Dafür habe ich jetzt sechzig Jahre gebraucht?
Ich schäme mich ein bisschen. Andererseits muss man das auch positiv sehen. Ich habe damit bewiesen, dass man auch im hohen Alter noch etwas Neues lernen kann. Man muss nur lange genug auf die Pfeile starren.
Allerdings gibt es da noch ein kleines Problem. Sollten meine Kräfte irgendwann altersbedingt nachlassen und ich diese beiden Aluseiten nicht mehr auseinanderbekommen, werde ich vermutlich wieder auf bewährte Technik zurückgreifen.
Meine Stichsäge liegt schließlich griffbereit.
