
Manchmal reicht ein Blick auf unsere nordfriesische Küste, um sich daran zu erinnern, dass wir Menschen hier oben schon immer eine etwas komplizierte Beziehung zum Meer hatten. Einerseits lieben wir es, andererseits kann es ziemlich ungemütlich werden, wenn es beschließt, sich ein paar zusätzliche Quadratkilometer Land einzuverleiben. Und die Nordsee fragt bekanntlich nicht erst höflich an, ob das für die Bewohner gerade passend ist.
Deiche, Warften und Sturmfluten gehören deshalb untrennbar zur Geschichte unserer Region. Und genau darum geht es in einem neu erschienenen historischen Roman, den ich euch heute einmal vorstellen möchte: „Der Spaten im Deich“ von Sebastian Bock.
Ein Mädchen, ein Deich und eine ziemlich ungemütliche Zukunft
Wir schreiben das Jahr 1361. Die fünfzehnjährige Wiebke Boyens lebt mit ihrer Familie auf einer Warft an der nordfriesischen Küste. Eigentlich könnte man meinen, dass in diesem Alter andere Dinge wichtiger sind als Deichbau und wirtschaftliche Existenz. Vielleicht die erste Liebe, ein bisschen Zukunftsplanung oder die Frage, wie man den Eltern am besten erklärt, dass man nicht immer das tun möchte, was sie für richtig halten.
Doch im Mittelalter war das Leben offenbar nicht unbedingt einfacher. Nur die Probleme waren andere.
Bei einer Kontrolle stellt der Vogt Mängel am Deichabschnitt der Familie fest. Und das ist ungefähr so, als würde heute jemand feststellen, dass das Dach undicht ist, nur dass bei Wiebke nicht ein paar Tropfen durchs Wohnzimmer kommen könnten, sondern im schlimmsten Fall gleich die Nordsee durchs Haus fließt.
Die notwendigen Arbeiten müssen erledigt werden, und zwar möglichst schnell. Schließlich hängt von einem funktionierenden Deich nicht nur der Besitz der Familie ab, sondern ihre gesamte wirtschaftliche Existenz.
Als wäre das nicht schon kompliziert genug, hat Wiebkes Vater auch noch eigene Vorstellungen von ihrer Zukunft. Eine Verbindung mit Broder könnte der Familie wirtschaftliche Sicherheit verschaffen. Dumm nur, dass Wiebkes Gefühle einem anderen gehören: Bent. Und ausgerechnet dessen Vater ist ebenfalls in die Vorgänge rund um den Deich verwickelt.
Man sieht: Auch vor rund 665 Jahren war das Leben nicht frei von familiären Erwartungen, Liebeskummer und Menschen, die glaubten, besser zu wissen, was für andere gut ist. Nur die Möglichkeiten, sich anschließend bei Facebook darüber zu beschweren, waren damals noch etwas eingeschränkt. Und Tinder gab es ja auch noch nicht.
Wenn aus Geschichte plötzlich Katastrophe wird
Während Wiebke versucht, ihren eigenen Weg zwischen Familie, Pflichten und Gefühlen zu finden, zieht am Horizont eine Katastrophe herauf, die Nordfriesland bis heute nicht vergessen hat: die Grote Mandränke von 1362.
Diese verheerende Sturmflut veränderte die Küstenlandschaft grundlegend und kostete zahlreichen Menschen ihre Heimat und ihr Leben. Was für uns heute historische Überlieferung ist, bedeutete für die Menschen damals eine existenzielle Bedrohung.
Denn wer an der Küste lebte, musste mit dem Meer leben. Man brauchte das Wasser für den Handel und die Fischerei, nutzte das Land für die Landwirtschaft und wusste gleichzeitig, dass ein einziger schwerer Sturm alles zunichtemachen konnte.
Ein Deich war deshalb nicht einfach nur eine Art Berg im Flachland, auf dem man im Winter wunderbar Schlittenfahren kann. Er war Lebensversicherung, Existenzgrundlage und Gemeinschaftsaufgabe zugleich. Und wenn einer seinen Teil nicht ordentlich erledigte, konnte das unter Umständen auch für andere böse Folgen haben.
Der Roman verbindet diese historischen Lebensbedingungen mit einer fiktiven Familien- und Liebesgeschichte. So bekommt die Vergangenheit ein Gesicht, und Geschichte besteht plötzlich nicht mehr nur aus Jahreszahlen, alten Karten und staubigen Büchern.
Ein Autor mit Verbindung zur Küste
Sebastian Bock, Jahrgang 1976, lebt mit seiner Familie im Süden Schleswig-Holsteins. Die Nordseeküste begleitet ihn bereits seit seiner Kindheit. Mit seinem Roman möchte er ein Stück nordfriesischer Geschichte aus der Perspektive jener Menschen erzählen, die damals mit dem Meer lebten und von ihm abhängig waren.
Das finde ich grundsätzlich einen interessanten Ansatz. Denn gerade unsere Region hat eine Geschichte zu erzählen, die weit über Krabbenbrötchen, Wattwanderungen und touristische Prospekte hinausgeht. Hinter den heutigen Deichen steckt eine Vergangenheit, in der es um harte Arbeit, Zusammenhalt, Besitz und nicht selten ums nackte Überleben ging.
Und manchmal genügte eben ein einziger Sturm, um sämtliche Zukunftspläne über den Haufen zu werfen. Das ist eine Erfahrung, die man sich heute zum Glück meist nur noch theoretisch vorstellen muss.
Ein kleines Detail für Buchliebhaber
Eine Besonderheit gibt es bei der gedruckten Ausgabe übrigens auch: Am Seitenrand befindet sich ein kleines Einsiedlerkrebs-Daumenkino, das beim Durchblättern Ebbe und Flut lebendig werden lässt.
Eine nette Idee! Während man sich also durch die mittelalterliche Geschichte liest, bekommt man gleich noch eine kleine Bewegungsvorstellung der Gezeiten dazu. Das Meer bleibt schließlich auch auf Papier in Bewegung.
Mein Fazit
„Der Spaten im Deich“ dürfte besonders für Leserinnen und Leser interessant sein, die sich für historische Romane, die norddeutsche Küstenlandschaft und das Leben unserer Vorfahren interessieren. Die Geschichte um Wiebke verbindet familiäre Konflikte und persönliche Gefühle mit einer der einschneidendsten Naturkatastrophen der nordfriesischen Geschichte.
Wer also wissen möchte, wie das Leben an der Küste aussah, bevor moderne Deichbaukunst, Wettervorhersagen und Katastrophenschutz unseren Alltag bestimmten, findet hier einen literarischen Zugang zu dieser Zeit.
Und vielleicht betrachtet man beim nächsten Spaziergang auf dem Deich die Landschaft ein wenig anders. Denn hinter dem hohen, grünen Berg verbirgt sich nicht nur eine schöne Aussicht, sondern eine lange Geschichte von Menschen, die dem Meer ihr Land abtrotzen mussten.
Buchinformationen auf einen Blick
- Titel: Der Spaten im Deich
- Autor: Sebastian Bock
- Genre: Historischer Roman / Jugendroman
- Verlag: Books on Demand
- ISBN: 978-3-6963-7495-2
- Erhältlich: Über den Buchhandel bestellbar
