
Und wieder ein kurzer Einblick in eines der Abschnitte des Buches. Hier geht es um unser erstes großes Waldheim Festival 1992, dass leider in einem finanziellen Desaster endete.
Scheine im Wind
Spät am Abend, als die letzten Bühnenlichter erloschen waren und sich das Gelände langsam beruhigte, saß ich mit einem Bier in der Hand in meinem Wohnwagen. Einer dieser seltenen Momente, in denen man versucht, das Chaos des Tages zu sortieren, oder zumindest so tut, als hätte man einen Plan.
In Wahrheit war ich einfach nur deprimiert. Die genaue Höhe des finanziellen Desasters kannte ich noch nicht, kannte noch niemand, aber mein Bauchgefühl hatte selten so laut Alarm geschlagen.
Plötzlich fiel mir draußen eine Gestalt auf, die am Wohnwagen vorbeischwankte. In den Händen hielt sie mehrere große Plastiktüten, die sich unter ihrem Inhalt bedenklich durchbogen. Es war windig – natürlich war es windig – und ich beobachtete mit wachsender Fassungslosigkeit, wie ein Geldschein nach dem anderen aus den Tüten segelte und über den Acker tanzte.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst,“ murmelte ich und stellte mein Bier ab.
Ich erkannte die Person sofort, verzichtete aber später großzügig auf eine namentliche Erwähnung. Der „Herr“, wie ich ihn diplomatisch nannte, hatte offenbar die Einnahmen von den Biertresen eingesammelt und war auf dem Weg zum Orga-Zelt.
Leider hatte er zwei entscheidende Faktoren unterschätzt: nordfriesischen Wind und die strukturellen Schwächen von Plastiktüten.
Ich sprang aus dem Wohnwagen und nahm die Verfolgung auf. Was folgte, war weniger eine Rettungsaktion als eine ausgesprochen windige Schnitzeljagd. Über den Acker verteilt sammelte ich flatternde Geldscheine ein, während der „Herr“ weiter schwankend Richtung Ziel marschierte – vermutlich überzeugt, alles bestens im Griff zu haben.
Am Ende drückte ich ihm die wieder eingesammelten Scheine in die Hand. Er nahm sie mit einer Mischung aus Dankbarkeit und stiller Scham entgegen.
„Ich hoffe, ich habe damals alle Scheine wiedergefunden,“ kommentierte ich später trocken.
Natürlich gibt es von diesem Ereignis kein Foto. Aber ich habe es mittels KI ein wenig nachstellen lassen, die Situation.
