Tagebuch 16. Juli: Mein Bein muss doch nicht ab. Oder: Außer Spesen nichts gewesen

Irgendwie ist im Moment der Wurm drin. Früher, das kann man ja in meiner Biografie nachlesen, war mein Leben deutlich aufregender. Heute bestehen meine Abenteuer eher aus Flohmärkten, ausgefallenen Zügen und Ärzten mit Ultraschallgeräten.

Nach der legendären Irrfahrt zum Flohmarkt nach Rabel samt kulinarischer Begegnung mit Eichhörnchen am Spieß stand nun die nächste Expedition an: Hamburg. Ziel: das neue Herzzentrum am UKE. Schließlich habe ich mir dank jahrzehntelanger Raucherei, inzwischen immerhin fast sechs Monate rauchfrei, und meiner intensiven Fernsehsport-Karriere ein paar Arterien zugelegt, die eher den Charme alter Kalkrohre besitzen. Und seit Wochen hatte auch mein Oberschenkel beschlossen, mir mit ordentlichen Schmerzen den Alltag zu vermiesen. Also Termin gemacht und los.

Na ja … „los“ ist bei der Marschbahn ja immer ein dehnbarer Begriff. Erst fuhr zwei Stunden lang überhaupt kein Zug, weil eine Tür beschlossen hatte, nicht mehr mitzuarbeiten. Die Sylt-Pendler werden jetzt müde lächeln und sagen: „Willkommen im Club.“ Anschließend durfte ich mich in einen Zug quetschen, der ungefähr die Bevölkerungsdichte von Tokio zur Rushhour hatte. Klimaanlage? Vermutlich im Urlaub.

Nach einer Übernachtung bei meinem Sohn ging es morgens geschniegelt ins hochmoderne Herzzentrum. Dort wollte die Dame an der Anmeldung meine Überweisung zunächst gar nicht haben. Mein Hausarzt hatte mich nämlich vorsorglich schon fast direkt in die Chirurgie geschickt. Nach einigen bürokratischen Ehrenrunden, gefühlt mehreren Kilometern Fußmarsch und viel Geduld durfte ich schließlich doch Platz nehmen.

Der Oberarzt, oder zumindest jemand, der sehr kompetent aussah, hörte sich meine Geschichte an und erklärte nach wenigen Minuten: „Der Oberschenkel? Das klingt gar nicht nach den Gefäßen.“ Aha. Das war zwar beruhigend, beantwortete aber die eigentliche Frage nicht: Warum tut das verdammte Ding dann weh? Es folgte eine ausführliche Ultraschallwanderung über Beine und Füße. Ergebnis: Keine Verschlechterung. Immerhin eine gute Nachricht.

Danach kam Hightech zum Einsatz. Ein neues Gerät sollte gleichzeitig an Armen und Beinen den Blutdruck messen. Sah beeindruckend aus. Funktionierte allerdings ungefähr so zuverlässig wie ein Wetterbericht für den Sommer 2026. Der Bildschirm produzierte lediglich wilde Zickzacklinien. Arzt und Studentin betrachteten das Kunstwerk eine Weile ratlos.
„20.000 Euro hat das Ding gekostet“, meinte der Arzt trocken. „Und bei Blutdruckwerten über 180 steigt es einfach aus.“ Technik, die begeistert.

Also wurde wieder ganz klassisch analog gemessen. Tatsächlich: Mein Blutdruck war ziemlich hoch. Wahrscheinlich hatte das schicke Hightech-Gerät mehr Lampenfieber als ich.

Zum Abschluss kam das eigentliche Gespräch. Der Arzt sagte einen Satz, den man auch nicht alle Tage hört: „Wenn ich möglichst viel Geld verdienen wollte, würde ich Sie jetzt operieren. Aber ich möchte das Beste für Sie, und das ist im Moment: gar nicht operieren.“
Das hörte ich ausgesprochen gern. Er erklärte auch gleich warum: Mit einer vorschnellen Operation könnte es passieren, dass ich künftig regelmäßig wieder auf seinem OP-Tisch lande. Darauf kann ich nun wirklich verzichten.

Mein Sohn, der zufällig ebenfalls dort arbeitet und beim Gespräch dabeisaß, nickte zustimmend. Eigentlich hatte er gar nichts zu entscheiden, aber ich habe Vertrauen zu meinem Sohn. Nun geht es nächste Woche wieder zum Hausarzt. Vielleicht ist es die Hüfte. Vielleicht ein Muskel. Vielleicht meldet sich auch einfach ein Körperteil, das bislang nur zu höflich war.

Immerhin blieb mein Bein dran.

Auf dem Rückweg gönnte ich mir am Bahnhof Altona noch ein hervorragendes türkisches Essen. Der Zug fuhr tatsächlich pünktlich nach Hause. Man soll die kleinen Wunder schließlich zu schätzen wissen.

Mein persönliches Fazit des Tages: zwei Tage unterwegs, jede Menge Bürokratie, moderne Technik mit Nervenzusammenbruch, ein flotter Arzt, keine Operation und ein ganz tolles türkisches Essen am Altonaer Bahnhof. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Aber außer Spesen nichts gewesen.
Obwohl … Ein Bein behalten ist ja eigentlich auch schon eine ganz ordentliche Ausbeute.
Ich glaube trotzdem, ich steige wieder auf die Organisation von Festivals um. Da geht wenigstens planmäßig etwas schief.

Foto: Mario De Mattia – 2020 stand in meinem Untersuchungszimmer im neuen Herzzentrum noch eine Ramme