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Lesung online: Erinnerungen an Schwager Frank: Zwischen Weinbrand und Bundesgrenzschutz

Mein Schwager Frank, der leider vor ein paar Tagen ebenfalls verstorben ist, hat in unserer Familie und damit auch in meiner Biografie für so manche unvergessliche Anekdote gesorgt. Er wird uns allen mit seinem ganz eigenen Humor und seinen kleinen Eigenheiten immer in bester Erinnerung bleiben.

Ein schönes Beispiel ist der Polterabend meiner inzwischen verstorbenen Frau Helga und mir. Frank war der Einzige mit einer vernünftigen Kamera und hatte hoch und heilig versprochen, den Abend fotografisch festzuhalten. Irgendwann fiel uns allerdings auf, dass Frank überhaupt nicht mehr zu sehen war. Und wenn der Fotograf verschwunden ist, wird das mit den Bildern bekanntlich schwierig.

Schließlich fanden wir ihn hinter dem extra aufgebauten Festzelt im Garten. Tief schlafend. Eine halb leere Weinbrandflasche hatte er dabei fast liebevoll im Arm. Er hatte unseren Polterabend also schon einmal ausgiebig vorgefeiert. Deshalb existieren von diesem Abend bis heute keine Fotos. Dafür klappte das Fotografieren am nächsten Tag bei der Hochzeit deutlich besser.

Und genau eine dieser typischen Frank-Geschichten steht auch in meinem Buch:

Frank legt sich mit dem Bundesgrenzschutz an

1988 war nicht nur das Jahr der großen Festivals in Nordfriesland, sondern auch das Jahr, in dem ich mit meinem blauen OXMOX-Bus diesmal alleine mit meinem Schwager Frank zum legendären Roskilde-Festival aufbrach.

Die Fahrt nach Dänemark verlief exakt so, wie man es erwarten durfte: viel Vorfreude, lautes Gequatsche und die obligatorischen Diskussionen darüber, welche Bands man auf keinen Fall verpassen durfte. An Bord: ausreichend Proviant, eine respektable Menge Weinbrand für Frank, jede Menge Festivalerfahrung und Franks heißgeliebte Lieblingstasse. Ein Relikt aus unzähligen gemeinsamen Touren, behandelt mit der Ehrfurcht eines Museumsstücks.

Roskilde selbst enttäuschte natürlich nicht. Sting und Bryan Adams brachten das Publikum zum Kochen, und selbst nach drei Tagen Musik, Staub und chronischem Schlafmangel war die Stimmung von uns beiden im Bus auf der Rückfahrt bestens. Bis wir an der dänisch-deutschen Grenze bei Aventoft ankamen.

Dort hatte der Bundesgrenzschutz offenbar einen ganz anderen Tagesplan. Die markante Erscheinung meines blauen OXMOX-Busses schien die Beamten magisch anzuziehen. Offenbar sah das Gefährt exakt so aus, wie man sich einen mobilen Umschlagplatz für internationale Drogenkartelle vorstellt. Ein breites Winken, ein knapper Befehl – und schon standen wir im grellen Licht der Grenzbeleuchtung.

„Na, die suchen wohl das ganz große Drogennetzwerk,“ murmelte ich, während ich meine Papiere aus dem Handschuhfach zog.
Die Beamten reagierten ungefähr so humorvoll wie ein Zollformular in dreifacher Ausfertigung.

Nachdem unsere Ausweise geprüft und, völlig überraschend, für in Ordnung befunden worden waren, begann die eigentliche Attraktion: die Durchsuchung des liebevoll ausgebauten Businneren.

Mit Taschenlampen bewaffnet machten sich die Beamten über meine selbstgezimmerten Holzschränke her, öffneten Schubladen, wühlten durch Taschen und inspizierten alles mit dem Blick von Männern, die fest davon überzeugt waren, gleich den Fund ihres Lebens zu machen. Es war offensichtlich, dass sie nach etwas anderem suchten als nach einer alten Socke oder Franks Campingbesteck.

Gefunden wurde nichts. Wie auch.

„Das war ja wohl wieder für die Katz’,“ sagte Frank, just in dem Moment, als ein Beamter ohne jede emotionale Regung Franks Lieblingstasse aus dem Schrank zog und sie im nächsten Augenblick klirrend auf den Asphalt fallen ließ.

Die Scherben verteilten sich zwischen Franks Füßen. Der Beamte zuckte lediglich mit den Schultern.

„Das wird ersetzt,“ sagte er monoton. „Einfach bei der Dienststelle melden, Formular ausfüllen, und gut.“

Frank schnappte hörbar nach Luft. „Die ersetzen mir gar nichts! Diese Tasse war ein Unikat!“

Doch da hatten die Beamten bereits das nächste verdächtige Fahrzeug ins Visier genommen.

Ich beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und ehrlicher Schadenfreude und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Weißt du, Frank,“ sagte ich später, als wir endlich wieder unterwegs waren, „ich glaube, die Jungs von der Polizei waren so richtig enttäuscht. Nix zu finden bei uns. “

Frank reagierte wenig begeistert. Er murmelte etwas Unverständliches, starrte finster aus dem Fenster und war, völlig zu Recht, richtig sauer. Die Tasse war unersetzlich. Aber die Geschichte? Die war Gold wert. Zumindest für mich.

Heute muss ich bei dieser Geschichte jedes Mal schmunzeln. Und genau so werde ich Frank in Erinnerung behalten.

(Das Foto musste ich von Gemini ähnlich nachstellen lassen. )